Pharcyde (bleibt alles anders)
von Intro
Zwei Rapper aus Los Angeles. Das klingt nach Drive-by-shootings, Adrian-Kreye-Journalismus, dicken Knarren und Goldketten. Und dann? Zwei quietschvergnügte Spaßmacher sitzen vor mir. Der eine, Booty Brown, plappert ohne Grund und Boden, während der andere, Imani, mit den Händen fuchtelt und Fliegen vertreibt. Es ist ein warmer Tag. Wir sitzen auf einer Parkbank an der Konstabler Wache. Booty Brown scheint das Leben gelassen zu sehen: Egal, ob man ihn auf den Weggang von zwei Bandmitgliedern, auf die Probleme mit dem Label Delicious Vinyl oder auf den - durch urheberrechtliche Streitereien wegen eines geklauten Buena Vista Social Club-Samples - verzögerten Release des Albums anspricht, seine Antwort lautet: It is, what it is. Vielleicht ist diese smarte Contenance ja das Ergebnis der recht bewegenden Bandgeschichte von Pharcyde - mit all ihren Höhen und Tiefen. Anfang der Neunziger als Breakdance-Truppe gegründet, produzierten vier Jungs namens Imani, Booty Brown, Fatlip und Slimkid Tre 1992 ihr Debütalbum Bizarre Ride II The Pharcyde. Die Single Ya Mama wurde zum Hit: eine Sommerhymne. Ihr HipHop war damals wirklich was Besonders, irgendwie anders: lustig, kein Hardcore, keine Ghetto-Lyrics. Das machte einige alte Hasen auf die Jungs aufmerksam: mit den Brand New Heavies bastelten sie eine Single, A Tribe Called Quest und De La Soul baten um Tourbegleitung. Nach dem respektablen Nachfolger Labcabincalifornia (1995) ging es dann jedoch den Bach runter: erst verließ Fatlip die Truppe, dann auch noch Slimkid Tre; in fünf Jahren erschien gerade mal eine EP. Zu zweit versuchen Imani und Booty Brown nun ein Comeback. Plain Rap ist eine nette und lässige Platte, angenehm laidback, ohne jede Wu-Tang-Hektik, ohne RnB-Gepumpe à la Puffy Combs, ohne Gangsta- und Pimp-Gepose. Irgendwie Oldschool. Gangsta-Rap ist das Ding der Industrie, das macht Geld. Aber: das bin nicht ich. Wenn ich Gangsta-Rap machen würde, müsste ich mit einer Lüge leben. Ich will nicht lügen, sagt Booty Brown. Das heißt nicht, dass mir das Zeug nicht gefällt. Wenn ich Dr. Dre treffe, sage ich Hallo. Jetzt öffnet sogar mal Imani den Mund: We represent what we do. Den Witzereißer-Stempel wollen sie sich aber auch nicht aufdrücken lassen: Alle sagen immer, unsere Platten wären so humoristisch. Wenn wir davon singen, dass ein Mädchen einen Typen abblitzen lässt, dann ist das nicht lustig, sondern tragisch. Plain Rap erscheint in Europa bei Four Music. Den Schwaben haben die neuen Pharcyde-Sachen so gut gefallen, dass sie einfach mal bei deren Label Delicious Vinyl nachgefragt haben, ob man das nicht veröffentlichen dürfe. Und so landeten Pharcyde in Stuttgart, einer Stadt, von der die beiden vor ein paar Monaten noch nicht mal wussten, wo sie liegt. Und was halten sie so von ihren neuen Labelkollegen? We really like the Fantastic Four. And Afrob. Afrob is great. Später rocken die beiden im Kellerclub um die Ecke. Schweiß tropft von der Decke, Bier spritzt aus der Flasche. Um zu zeigen, wo sie stehen, gibt es heute abend nur eine Coverversion: Sly And The Family Stones Everyday People. Pharcyde sind beinahe Arrested Development. Aber nur beinahe.
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